Tag23

„Ein ganzes Menschenleben, von allem Anfang an, kann unter dem Zeichen des Trotzes gegen ein schicksalhaftes biologisches Handikap stehen; vom schwierigen 'Start' an eine einzige große Leistung darstellen. Uns ist ein Mann bekannt, der infolge einer bereits im Mutterleib durchgemachten Gehirnerkrankung an allen vier Extremitäten teilweise gelähmt war und so verkümmerte Beine hatte, daß er zeitlebens nur in einem Rollstuhl fortbewegt werden konnte. Bis in seine spätere Jugend hinein wurde er allgemein für geistig zurückgeblieben gehalten und blieb er Analphabet. Bis schließlich ein Gelehrter sich seiner annahm und ihn unterrichten ließ; in unvorstellbar kurzer Zeit erlernte unser Patient nicht nur das Lesen, Schreiben usw., sondern auch ein Hochschulwissen – in Fächern, für die er sich besonders interessierte. Eine Reihe prominenter Wissenschaftler und Universitätsprofessoren wetteiferten um die Ehre, sein Privatlehrer zu sein. In seinem Heim hielt er mehrmals in der Woche einen schöngeistigen Cercle ab, dessen bewunderter gesellschaftlicher Mittelpunkt er selber war. Schöne Frauen geizten um seine Liebesgunst, seinetwegen kann es unter ihnen zu Szenen, Skandalen, Suiziden. Bei all dem war dieser Mann nicht einmal imstande, normal zu sprechen, durch eine schwere allgemeine Atherose war auch seine Artikulation in Mitleidenschaft gezogen – schweißtriefend vor Anstrengung, mit krampfverzerrtem Gesicht, mußte er um die motorische Gestaltung jedes einzelnen Wortes sichtlich ringen.“

aus: Frankl, V.E. (2022b): Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. 11. Auflage 2022. Dtv. München, S. 138-139.